Schenkt man den aktuellen Statistiken Glauben, dann legt sich jeder fünfte Deutsche jährlich mindestens einmal unters Messer – mit Tendenz steigend. Ob das medizinisch gesehen wirklich notwendig ist, bleibt fragwürdig, denn nicht jeder Eingriff verspricht tatsächlich Linderung. Das Gegenteil ist der Fall. Oft bleiben die Beschwerden bestehen oder verschlimmern sich sogar noch.

Deutschland: Internationaler OP-Spitzenreiter

17,6 Millionen Mal pro Jahr wird allein in Deutschland operiert. Und darin sind noch nicht einmal alle medizinischen Eingriffe enthalten. Kleinere OPs beim Dermatologen, Gynäkologen oder bei niedergelassenen Chirurgen erhöhen die Zahlen nochmal um ein Vielfaches. Damit ist Deutschland im internationalen Vergleich der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) eindeutig der Spitzenreiter, was operative Eingriffe angeht. In keinem anderem Land wird jährlich so viel geschnitten, gesägt, ersetzt und genäht wie in Deutschland. Und dabei ist längst nicht jeder Eingriff sinnvoll. Das behauptet zumindest Dokumentarfilmerin Heike Hemschemeier, die drei Jahre lang den Fehlern des deutschen Gesundheitssystem auf den Grund ging. Das knallharte Resultat: Ihr Buch „Vorsicht Operation*“, demzufolge auf diese zwei Arten von Operationen verzichtet werden kann:

1. Operationen, die keinen medizinischen Vorteil mit sich bringen
Einige, häufig durchgeführte Eingriffe wie beispielsweise therapeutische Arthroskopien bei Gelenkverschleiß bedeuten in der weit überwiegenden Zahl der Fälle keine Linderung für den Patienten. So kämpft das Institut für Wirtschaftlichkeit und Qualität im Gesundheitswesen (IQWIG) schon seit Jahren für die Abschaffung dieses Eingriffs. „Ein Verbot zu erreichen ist unheimlich schwierig. Allein 2009 wurde die OP mehr als 200.000 Mal durchgeführt“, so Gesundheitsexpertin Hemschemeier.

2. Operationen, die nicht zwingend erforderlich sind
Hüft- und Kniegelenkprothesen sind nicht nur ein medizinischer Segen, sondern lassen auch noch die Kassen der Krankenhäuser klingeln. Kein Wunder also, dass bei chronischen Hüft- und Kniegelenkbeschwerden sogleich eine OP verordnet wird. „Oft ist ein operativer Eingriff nicht einmal nötig. Vielen Patienten würde auch eine Physiotherapie helfen“,erklärt Hemschemeier. Bestätigung kommt vom Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen(AQUA). Eine aktuelle Studie beweist, dass lediglich 4,8 % aller Knie- und Hüftgelenkoperationen aus medizinischer Sicht gerechtfertigt waren. So werden rund 95,2 % aller Eingriffe aus vorwiegend finanziellen Gründen durchgeführt – eine erschreckend unmenschliche Bilanz.

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